Intergenerationale Verständigung: Verschiedene Generationen auf „Du & Du“

Wenn Generationen sich wieder verstehen lernen (Teil 1)

Intergenerationale Verständigung wird zu einer der entscheidenden Fähigkeiten unserer Zeit. Denn noch nie haben so viele unterschiedliche Generationen gleichzeitig miteinander gelernt, gearbeitet und Verantwortung getragen. Und gleichzeitig scheint es manchmal, als würden sie in völlig unterschiedlichen Welten leben. Auch Alter ist eine Dimension von Diversity. Und wie jede andere Form von Diversity muss auch Altersdiversität gestaltet werden.

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Die einen sind mit Fax, Festnetztelefon und gedruckten Lexika aufgewachsen. Andere kennen eine Welt ohne Smartphone kaum noch. Für die einen bedeutet ein gutes Arbeitsleben Sicherheit, Verlässlichkeit und langfristige Zugehörigkeit. Für andere sind Flexibilität, Sinn, Selbstbestimmung und schnelle Entwicklung selbstverständlich.

Das Problem beginnt dort, wo aus diesen Unterschieden gegenseitiges Unverständnis wird.

„Die jungen Leute wollen sich nicht mehr festlegen.“

„Die Älteren verstehen die digitale Welt einfach nicht.“

„Früher war man noch belastbarer.“

„Heute muss alles sofort gehen.“

Solche Sätze kennen viele Unternehmen, Schulen und Organisationen. Sie klingen harmlos – und sind doch ein Warnsignal. Denn hinter ihnen stehen häufig nicht nur unterschiedliche Meinungen, sondern unterschiedliche Erfahrungen, Werte, Kommunikationsformen und Erwartungen.

Intergenerationale Verständigung bedeutet deshalb mehr als Toleranz. Sie bedeutet, die Perspektive der anderen Generation wirklich verstehen zu lernen – ohne die eigene aufzugeben.

Warum Generationen sich heute so schnell fremd werden

Generationskonflikte sind nichts Neues. Eltern und Kinder, junge und ältere Mitarbeitende oder unterschiedliche Lehrergenerationen haben sich auch früher nicht automatisch verstanden.

Neu ist jedoch die Geschwindigkeit, mit der sich Lebenswelten verändern.

Die klassischen Bezeichnungen „Babyboomer“, „Generation X“, „Generation Y“ oder „Generation Z“ beschreiben größere gesellschaftliche Kohorten. Sie dürfen allerdings nicht zu Schubladen werden. Nicht jeder Mensch einer Generation denkt gleich.

Trotzdem entstehen innerhalb weniger Jahre teilweise völlig neue Erfahrungsräume: durch Digitalisierung, soziale Medien, veränderte Arbeitswelten, neue Vorstellungen von Bildung, Familie und Lebensgestaltung.

Nicht unbedingt die Generation selbst wird schmaler – aber die Abstände zwischen prägenden Erfahrungswelten werden kürzer.

Wer seine Jugend noch ohne Internet erlebt hat, bringt andere Selbstverständlichkeiten mit als jemand, der von klein auf mit permanent verfügbarer Kommunikation aufgewachsen ist. Wer sein Berufsleben mit festen Hierarchien und klaren Karrierewegen begonnen hat, erlebt neue Vorstellungen von Arbeit möglicherweise anders als jemand, für den Flexibilität und Selbstbestimmung von Anfang an selbstverständlich waren.

Genau hier beginnt die Herausforderung intergenerationaler Verständigung.

In Unternehmen treffen unterschiedliche Arbeitswelten aufeinander

Besonders deutlich wird das in Unternehmen.

Deutschland steht vor einem erheblichen demografischen Wandel. Gleichzeitig arbeiten heute Menschen mit 20, 30, 40, 50 oder 60+ Jahren zusammen. Sie bringen unterschiedliche Erfahrungen mit – und damit enorme Ressourcen.

Ein älterer Mitarbeiter kennt vielleicht die Geschichte des Unternehmens, Kundenbeziehungen, informelle Entscheidungswege und Zusammenhänge, die in keinem Handbuch stehen.

Eine jüngere Kollegin bringt neue Perspektiven auf Arbeitsorganisation, Kommunikation oder Zusammenarbeit mit.

Das Problem entsteht, wenn diese Unterschiede nicht als Ergänzung, sondern als Bedrohung erlebt werden.

Ein Beispiel aus dem Unternehmensalltag

Ein erfahrener Projektleiter ist es gewohnt, wichtige Themen persönlich oder telefonisch zu klären. Eine jüngere Kollegin kommuniziert bevorzugt über digitale Kanäle und dokumentiert Entscheidungen konsequent.

Der Projektleiter empfindet ihre Kommunikation als unpersönlich.

Die Kollegin erlebt seinen Kommunikationsstil als ineffizient.

Beide haben gute Gründe für ihr Verhalten.

Aber keiner kennt die Logik des anderen.

Ein Workshop zur intergenerationalen Verständigung könnte genau hier ansetzen: Nicht „Wer macht es richtig?“, sondern:

Was steckt hinter unserem jeweiligen Verhalten?

Was bedeutet für mich Verbindlichkeit? Was bedeutet gute Zusammenarbeit? Wann empfinde ich Kommunikation als effizient – und wann als wertschätzend?

So wird aus einem Generationenkonflikt ein Lernfeld.

Auch Schulen sind Orte intergenerationaler Verständigung

Was für Unternehmen gilt, beginnt häufig schon viel früher: in Schulen.

Drei Generationen können unmittelbar aufeinander treffen

Häufig finden sich hier sogar drei unterschiedliche Generationen: Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern. Zusätzlich unterscheiden sich auch innerhalb der Lehrer- und Elternschaft die Erfahrungen und das Alter teilweise erheblich. Selbst Schüler kommen aus völlig unterschiedlichen Kontexten (soziopolitisch und soziokulturell, z.B. durch Migration, Sprache), eine ErstklässlerIn und ein SchulabgängerIn können bereits sehr unterschiedliche Lebenswelten haben.

Eine Lehrkraft, die seit 25 Jahren unterrichtet, hat andere pädagogische Erfahrungen als eine Berufsanfängerin.

Die eine hat erlebt, wie sich Unterricht ohne digitale Medien organisieren ließ. Die andere bringt möglicherweise neue didaktische Konzepte und andere Vorstellungen von Lernen mit.

Daraus können Spannungen entstehen:

„Das haben wir schon immer so gemacht.“

trifft auf:

„Warum machen wir das eigentlich noch so?“

Und plötzlich geht es nicht mehr um eine konkrete Unterrichtsmethode. Es geht um Erfahrung, Anerkennung und die Frage:

Wessen Wissen zählt?

Ein Beispiel aus dem Schulalltag

Eine jüngere Lehrkraft möchte eine Unterrichtseinheit stärker selbstorganisiert gestalten. Eine erfahrene Kollegin warnt davor, weil sie aus ihrer Erfahrung weiß, dass manche Schülerinnen und Schüler mit zu viel Selbststeuerung überfordert sind.

Beide haben einen berechtigten Punkt.

Die jüngere Lehrkraft sieht Möglichkeiten, die die ältere vielleicht noch nicht ausprobiert hat.

Die erfahrene Lehrkraft kennt Situationen, die die jüngere noch nicht erlebt hat.

Intergenerationale Verständigung bedeutet hier, beide Wissensformen zusammenzubringen.

Nicht:

Alt gegen jung.

Sondern:

Erfahrung trifft Innovation.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Wenn die eigene Peer-Group zur Komfortzone wird

Ein weiterer Faktor wird häufig unterschätzt: Menschen bewegen sich zunehmend in ihren eigenen Peer-Groups.

Das gilt für Jugendliche genauso wie für Erwachsene.

Wir kommunizieren mit Menschen, die ähnliche Interessen haben, konsumieren ähnliche Medien und bewegen uns in ähnlichen sozialen Räumen. So entsteht leicht eine Art Parallelwelt.

Die andere Generation wird dann nicht mehr als Gruppe konkreter Menschen erlebt, sondern als Klischee.

Die Jugendlichen sind „die Generation TikTok“.

Die Älteren sind „die Digitalverweigerer“.

Die Mittleren sind „die, die zwischen allem aufgerieben werden“.

Solche Zuschreibungen vereinfachen die Welt – aber sie verhindern Verständigung.

Intergenerationale Verständigung beginnt deshalb dort, wo wir aufhören, über Generationen zu stereotypisieren, und anfangen, mit Menschen zu sprechen.

Was intergenerationale Verständigung konkret bedeutet

Intergenerationale Verständigung heißt nicht, dass alle gleich denken sollen.

Im Gegenteil.

Unterschiede sind wertvoll.

Sie werden nur dann zum Problem, wenn wir nicht mehr mit ihnen umgehen können.

Es geht um die Fähigkeit,

  • unterschiedliche Perspektiven auszuhalten,
  • Vorurteile über andere Generationen zu erkennen,
  • die eigenen Prägungen zu reflektieren,
  • verschiedene Kommunikationsstile zu verstehen,
  • Erfahrungen und Wissen auszutauschen,
  • Konflikte frühzeitig anzusprechen,
  • voneinander zu lernen,
  • und gemeinsame Ziele über Altersgrenzen hinweg zu entwickeln.

Das ist Persönlichkeitsentwicklung – und gleichzeitig Organisationsentwicklung.

Wie intergenerationale Verständigung trainiert werden kann

Intergenerationale Verständigung lässt sich nicht durch einen einmaligen Vortrag lösen. Sie ist eine Kompetenz, die erlebt, reflektiert und eingeübt werden muss. Dafür eignen sich beispielsweise Workshops, moderierte Teamprozesse und individuelles Coaching, aber auch generationenübergreifendes Reverses Mentoring.

Weitere Ausführungen siehe unter dem Folgebeitrag: Wettbewerbsvorteil = Verständigung zwischen Generationen . Wenn Generationen sich wieder verstehen lernen (Teil 2)

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Entdecke auch https://silke-weigang.com/die-neuen-fachkraefte-sind-schon-unter-uns-diversity-schafft-zukunft/ .

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Beitrags-Bild oben von Khanh Trinh (Pixabay)

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